WECKT MICH EIN ENGEL NUR

Lieder und Klavierstücke

Schubert | Schumann | Wagner | Mahler | Schönberg

In diesem Programm geht es um unser Schweben zwischen ‚Hier‘ und ‚Dort‘, was man ‚Transzendenz‘ nennt. Poesie und Musik verweisen auf einen ‚anderen Raum‘, und die Idee davon bewirkt unendliche Inspiration. Schillers tragische Erkenntnis „Denn das Dort ist niemals hier“ wird musikalisch beantwortet durch Teilhabe an beiden Sphären. Schumann notiert in Trance ein  ihm „von Schubert eingegebenes“ Thema in Es  Tage vor seinem Sprung ins Offene, den Rhein, aus dem er wieder herausgefischt und zu uns zurückgebracht wird - es wird das Thema seiner sogenannten späteren ‚Geistervariationen‘. Wörtlich ausgeprochen bereits in dessen Kerner-Liedern, die auf eine Botschaft aus der anderen Sphäre zulaufen: „Weckt mich ein Engel nur’ - aus dem hiesigen Traum kann nur ein Engel uns ausleiten. Wagner macht diesen Engel konkret: es ist der Engel, der dich von Kind auf begleitet und dein Bewusstsein zwischen Hier und Dort in der Schwebe hält, wie die Lieder für Mathilde Wesendonck zeigen: zwischen Leben - das heisst Liebe - und Tod. Nicht umsonst sind unter diesen Liedern zwei Studien Wagners zu seinem ‚Tristan’. Mahler ist es, der die Brüchigkeit unseres irdischen Daseins im Blick auf die Geschichte wie eine Endzeit versteht und diese Brüche komponiert in der Schärfe ihrer Gegensätze, zumal in seiner Dritten Symphonie, dem aberwitzigen Menuetto als grandiosem Beispiel - fast radikaler noch hörbar in der Klavier-Version des genialen polnischen Pianisten und Komponisten Ignaz Friedman (1882 bis 1948). Im Herzen dieser Symphonie lässt Mahler uns das ‚Urlicht‘  finden mit den Worten: „Der liebe Gott wird mir ein Lichtchen geben/Wird leuchten mir bis in das ewig selig Leben.“ Und dann Schubert: der Meister des Übergangs. Denn es sind die Träume, die uns schweben lassen zwischen den Sphären im Lied ‚Nacht und Träume’, das unsere Träume bewahren und uns im Schweben halten will mit Worten sogar - oder ohne dieselben wie in jenem Klavier-‚Andantino‘ Schuberts aus seiner sogenannten ‚kleinen‘ A-dur-Sonate. Sphärischer Nachklang sodann ist Schönbergs Klavierstück aus dem progressiven Opus 19 Sehr langsame Viertel auf den Tod des geliebten Gustav Mahler, das kleinstmögliche Requiem sozusagen. Die ‚Lieder eines fahrenden Gesellen‘ aus Mahlers Feder sind zwar grosse Liebeslieder, können jedoch Liebe nur noch bewahren im Liebesverlust. Schumann noch einmal, explizit ‚Zum Schluss’ - Vorschein vom Ewigen zumindest in der Musik aus dem ‚Myrthen’-Zyklus, einst Hochzeitsgeschenk an seine Clara. Ein Wort Hölderlins bezeichnet dieses Programm am besten: 

„Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen“

gae